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Beiträge

Kanzelrede von Dr. Peter Liese am 9. April 2017 in der evangelischen Christuskirche in Meschede

Liebe Schwestern und Brüder,

ganz herzlichen Dank, dass ich hier heute vor Ihnen etwas sagen darf. Es ist für mich eine ganz große Ehre und ein tolles Zeichen, dass ich als Katholik in der evangelischen Kirche die Kanzelrede halten darf.


Wie vielleicht einige wissen, bin ich ganz in der Nähe von Meschede, nämlich in Ostwig aufgewachsen. Als ich dann nach meiner Realschulzeit mit 16 zum Gymnasium nach Meschede kam, habe ich gesehen, wie stark die Ökumene, die Zusammenarbeit zwischen katholischen und evangelischen Christen vor Ort in Meschede gelebt wird. Beispielsweise habe ich das ökumenische Kirchenzentrum kennengelernt. Als Jugendlicher dachte ich, dass es ein ökumenisches Kirchenzentrum in jeder Stadt gibt. Später musste ich erkennen, dass Meschede da eine Ausnahme und aus meiner Sicht ein Vorbild ist. Ich bin immer wieder begeistert, welche ökumenischen Aktivitäten es in Meschede gibt und erinnere mich vor allen Dingen immer sehr gerne an die Kinderbibelwoche, zu der ich natürlich mit meinen beiden Kindern immer gegangen bin. Ganz besonders an die KiBiWo–Band mit Hans-Jürgen Bäumer an der E-Gitarre. Deshalb finde ich es auch ein besonders schönes Zeichen, dass beim Versöhnungsgottesdienst mit dem Präses der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, am 11. März in Hildesheim ein Christuskreuz ausgestellt wurde, dass hier in Meschede in der Abtei gefertigt wurde.



Die Ökumene ist mir auch bei meiner jetzigen Tätigkeit als Abgeordneter im Europäischen Parlament ein ganz wichtiges Anliegen. Seit einigen Jahren haben wir in Brüssel einen Gesprächskreis evangelischer und katholischer Christen aus dem Europäischen Parlament, der Europäischen Kommission und des Ministerrats etabliert. Ein großes Projekt, das von einem evangelischen Kollegen aus diesem Kreis initiiert wurde, ist ein europäischer ökumenischer Kirchentag, den wir für 2022 oder 2023 planen. Die EKD und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken gehören schon zum Unterstützerkreis. Als nächstes müssen wir die Deutsche Bischofskonferenz überzeugen, aber ich bin sicher, dass uns das gelingt. Was die Ökumene angeht, kann man natürlich der Meinung sein, dass das Glas halb voll oder halb leer ist. Auch ich empfinde es als schmerzlich, dass wir als katholische und evangelische Christen vieles noch nicht gemeinsam machen können, aber wir sollten trotzdem erkennen, wie weit wir sind und was wir Gottseidank schon überwunden haben. Mein Schwager hat mir dazu kürzlich eine interessante Geschichte erzählt. Sein Vater war in den fünfziger Jahren, als junger Mann, Bewerber für eine Försterstelle in Ostwestfalen in der Nähe von Warburg. Im Einstellungsgespräch haben ihm die Verantwortlichen gesagt, dass er fachlich gut geeignet sei, es gebe da nur ein Problem. Er müsse seine familiären Verhältnisse in Ordnung bringen. Der Vater war sehr verdutzt und wusste gar nicht was gemeint war. Daraufhin hat man ihm gesagt, dass seine Frau ja leider evangelisch sei. Seine Antwort war, wenn die Bäume hier katholisch und evangelisch sind, dann will ich die Stelle auch gar nicht haben. Er hat sie dann trotzdem bekommen. Über solche Probleme sind wir Gottseidank hinweg.

Bei einer Fastenpredigt im vergangenen Monat hat die Leiterin der evangelischen Stadtakademie München, Jutta Höcht-Stöhr, jüngst an die schlimme Zeit der Religionskriege in Europa erinnert. „Es gab im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert die allgemeine Überzeugung, dass ein politisches Gemeinwesen nur zusammen gehalten werden kann, wenn alle dieselbe Konfession haben. Der Kaiser hatte diese Vorstellung ebenso wie die Landesfürsten. Das machte den Konflikt unausweichlich“, so Frau Höcht-Stöhr. Diese Konflikte, die durch die Konfession, den Glauben, begründet wurden, aber sicherlich nicht alleine dadurch ihre Ursache hatten, haben Deutschland und Europa viel Schreckliches gebracht.


Frau Jutta Höcht-Stöhr weist darauf hin, dass wir diese Einstellung zum Glück seit langem überwunden haben und spricht von dem Motto der Ökumene „Versöhnte Verschiedenheit“. Dies ist wichtig für die Ökumene und es ist auch eins der Grundprinzipien Europas. Wir wollen in der Europäischen Union die nationalen Besonderheiten nicht einfach abschaffen, aber wir wollen sie respektieren und uns versöhnen.

Sowohl in der Ökumene, als auch bei der europäischen Einigung haben wir da noch viele Aufgaben vor uns, aber wir sollten das Erreichte nicht gefährden. Sowohl in der Auseinandersetzung mit Menschen aus anderen europäischen Ländern, als auch mit Menschen anderer Konfessionen, sollte man nicht nur die Schwächen der Anderen, sondern auch seine eigenen Schwächen sehen. Deswegen freue ich mich, dass auch in der katholischen Kirche folgender Witz erzählt wird: Die heilige Familie berät darüber, wohin es in Urlaub geht. Josef schlägt vor „Lasst uns doch mal nach Bethlehem fahren!“. Maria protestiert lautstark „Um Gottes Willen nicht Bethlehem! Da habe ich so schlechte Erinnerungen dran. Das hat gezogen in dem Stall. Der Ochse und der Esel haben mich ständig geärgert und dann diese ganzen Leute, die da ständig vorbei kamen. Ich hatte ja überhaupt keine Ruhe. Ich wäre für Ägypten!“ Daraufhin protestiert Josef: „Ägypten, um Gottes Willen! Ich hatte so eine Angst um dich und das Kind, da kriegen mich keine zehn Pferde mehr hin. Dann möchte ich doch lieber nach Rom!“ Daraufhin meldet sich der Heilige Geist und sagt „Ja, Rom finde ich super, da war ich noch nie!“.


Liebe Schwestern und Brüder, ich bin sicher, dass der Heilige Geist in Rom schon oft war. Seit der Wahl von Papst Franziskus sicher mehr als 1517. Ich bin aber auch sicher, dass der Heilige Geist an vielen anderen Stellen, vor allem in der evangelischen Kirche sein segensreiches Werk tut.

Liebe Schwestern und Brüder die Zusammenarbeit von evangelischen und katholischen Christen und die Zusammenarbeit der verschiedenen Länder Europas ist aus meiner Sicht unverzichtbar, weil wir viele elementare Herausforderungen, die wir in dieser Zeit haben, nur gemeinsam lösen können. Da nenne ich als erstes die Bewahrung der Schöpfung. Hier war die Evangelische Kirche Deutschlands lange Zeit Vorreiter. Mehr als von der katholischen Kirche kam das Engagement für Klima- und Umweltschutz aus der evangelischen Kirche. Ich habe mich zum Beispiel im Zentralkomitee der Katholiken dafür eingesetzt, dass wir uns hier den Forderungen der EKD anschließen. Ich bin froh, dass wir durch Papst Franziskus jetzt richtig schön aufholen. Wir brauchen hier das Engagement beider Kirchen in Deutschland. Wir brauchen eine gemeinsame Anstrengung in der Europäischen Union, denn nur die Europäische Union gemeinsam kann die notwendigen Maßnahmen umsetzen und auch weltweit dafür Gehör finden. Das ist umso wichtiger, weil wir jetzt einen amerikanischen Präsidenten haben, mit dem man in dieser, wie in vielen anderen Fragen, nicht zusammen arbeiten kann.
Ich nenne als zweites Beispiel den Schutz der Menschenwürde und des menschlichen Lebens.
Dass in Deutschland Tötung auf Verlangen nicht erlaubt ist, hat sicher auch mit dem Engagement der Kirchen zu tun.

Ich nenne die Hilfe für die Notleidenden und Hungernden in der einen Welt. Es bahnt sich aktuell eine der schlimmsten Hungerkatastrophen an, die es jemals gegeben hat und der amerikanische Präsident kürzt die Entwicklungshilfe. Hier muss Europa handeln und Christen beiderlei Konfessionen müssen die Verantwortlichen in Europa antreiben. Die Flüchtlingskrise können wir nur lösen, wenn wir den Menschen in ihren Heimatländern eine Perspektive geben. Bei einem Gottesdienst anlässlich der Vollversammlung des Zentralkomitees der Katholiken im November 2015, also auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, sagte ein Mensch, der als Flüchtling vor einigen Jahren aus Afrika gekommen war. „Jeder Flüchtling ist einer zu viel“. Dies hört sich zunächst wie eine Forderung von Rechtsradikalen an, war aber ganz anders gemeint. Niemand verlässt freiwillig sein Heimatland und die Menschen die zu uns kommen, tun das aus Not. Wenn wir das Problem wirklich lösen wollen, müssen wir diese Not beseitigen. Für all dies ist aus meiner Sicht die Zusammenarbeit in der Europäischen Union unverzichtbar. Wir erleben das Aufstreben neuer Weltmächte wie China und Indien. Auch wenn China beim Klimaschutz jetzt ein Verbündeter ist, in Sachen Menschenrechte und vielen anderen Fragen sind die Werte Chinas meilenweit von den Werten Europas entfernt. Deswegen kann es uns als Christen nicht ruhen lassen, dass Europa jetzt grundsätzlich in Frage gestellt wird. Großbritannien hat als erstes Land entschieden, aus der Europäischen Union auszutreten und auch in anderen Ländern, erreichen rechte anti-europäische Parteien viel zu viel Zustimmung. Ich glaube es ist zu tiefst unchristlich sich nationalistisch und anti-europäisch zu verhalten. Das Christentum ist immer darauf angelegt, auch die Mitmenschen jenseits der Grenze in den Blick zu nehmen. Leider erlebe ich auch unter Christen oft enge nationale und anti-europäische Denkweise. Manchmal denke ich nach Diskussionen, auch in christlichen Kreisen, wenn der heilige Paulus diese Einstellung gehabt hätte, dann wäre er niemals in Rom angekommen.

Liebe Schwestern und Brüder, zum Schluss möchte ich natürlich noch auf den Predigttext des heutigen Tages eingehen, die Salbung von Bethanien. Aber ich möchte Ihnen den Text etwas anders darlegen, als üblich. Weder Lutherbibel noch Einheitsübersetzung, sondern Volxbibel. Vor einigen Jahren hat ein Theologe versucht die Bibel mit jungen Menschen in ihre Sprache zu übersetzen. Luther soll ja gesagt haben, man muss dem Volk aufs Maul schauen. Wörtlich heißt das Luther Zitat »(...) man muss die Mutter im Haus, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen; so verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.« Sicher auch heute noch ein wichtiger Hinweis für Politiker, aber auch für Theologen und ich finde, bei der Volksbibel ist es besonders gut gelungen, den jungen Menschen von heute aufs Maul zu schauen. Markus 14. 3-9 liest sich in der Volxbibel wie folgt: „Für Jesus ist nichts zu wertvoll.


Jesus war inzwischen in Bethanien, dort hatte ihn Simon zum Essen eingeladen. Simon war durch Jesus von sowas wie Krebs geheilt worden. Beim Essen kam eine Frau in den Raum mit einer irre schönen Flasche in der Hand. In der Flasche war ein mega teures Hautpflegemittel, so ein Öl drin. Sie öffnete die Flasche und schüttete das Öl über Jesus Kopf. Ein paar von den Leuten die am Tisch saßen, kriegten voll den Hals. Warum wird dieses teure Zeugs einfach so verdattert? Sie hätte das doch auch für viel Geld bei Ebay versteigern können und von der Kohle wären bestimmt ein paar arme Schlucker satt geworden. Sie machten die Frau wirklich voll an. Jesus war aber anderer Meinung. Das ist in Ordnung, lass sie ruhig machen. Warum zählt ihr sie deswegen gleich an. Sie hat es nur gut gemeint. Die armen Schlucker wird es immer geben. Kümmert euch um sie wenn ich nicht mehr da bin, ok? Ich werde aber nicht mehr lange bei euch sein. Sie hat ohne es zu wissen mich dadurch schon im Voraus auf mein Begräbnis vorbereitet. Eins garantiere ich euch, was sie hier gemacht hat, davon wird man noch lange von reden. Mindestens genauso lange wie man von der guten Nachricht reden wird, die ich verbreitet habe.“

Liebe Schwestern und Brüder, ich hatte immer schon meine Schwierigkeiten mit diesem Text. Als junger Mensch fand ich es besonders herausfordernd, weil es für mich schon immer ein riesiges Anliegen war, den Hungernden zu helfen und ich auch oft gedacht hatte, dass wir auf vieles verzichten können um Menschen die anderswo hungern zu helfen. Aber gerade wenn ich über Europa nachdenke, können wir, glaube ich, aus der Geschichte „die Salbung von Bethanien“ viel lernen. Ich glaube es ist ziemlich unbestritten, dass Europa materiell für uns von Vorteil ist und es ist auch ziemlich unumstritten, dass Großbritannien durch den Brexit materiell sehr viel verlieren wird. Dass jetzt auch noch die Tendenz dahin geht, dass Großbritannien aus dem Binnenmarkt austritt um auf keinen Fall in irgendeiner Weise die Freizügigkeit in Europa beibehalten zu müssen, ist ökonomischer Wahnsinn. Trotzdem haben die Brexit-Befürworter gewonnen. Gegen die wirtschaftliche Vernunft, in diesem Fall mit negativen Emotionen und natürlich mit Lügen. Für mich heißt das, dass wir in Europa mehr positive Emotionen brauchen. In der Bibel steht „der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Deswegen dürfen wir auf keinen Fall die materiellen Sorgen vieler Menschen, insbesondere der Menschen in Entwicklungsländern, vergessen aber wir brauchen trotzdem auch mehr als die Sorge um das Materielle. Positive Emotionen für Europa. Wenn wir Christinnen und Christen etwas dazu beitragen können, dann wäre dies sicher großartig.

© Dr. med. Peter Liese, MdEP 2017